Stressforscher: Soziale Isolation kostet uns Lebensjahre

Der Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, Mazda Adli, rechnet mit einer „Zunahme der psychischen Belastung in der Bevölkerung“.

Der international bekannte Psychiater, Hochschullehrer und Stressforscher Mazda Adli rechnet mit einer Zunahme psychischer Belastung der Bevölkerung infolge der Corona-Krise. „Ich gehe davon aus, dass sich das spätestens nach der Pandemie auch in Zahlen zeigen wird“, sagte Adli in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

„In unserer Klinik haben wir während des Lockdowns einen Zulauf verzeichnet wie vor der Pandemie“, erklärte der Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, der auch den Forschungsbereichs Affektive Störungen der Charité Universitätsmedizin Berlin leitet. „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Menschen mit ernsten psychischen Erkrankungen und Hilfebedarf in der Zeit des Lockdowns zu Hause geblieben sind und nicht den Weg zum Arzt oder in eine Klinik fanden. Die Konsequenzen daraus werden zeitversetzt zutage treten“, erklärte Adli in dem Interview weiter.

Insbesondere die soziale Isolation berge Problempotenzial. „Das ist etwas, was wir als Psychiater mit Sorge betrachten“, sagte der Chefarzt der Fliedner Klinik. „Soziale Isolation, bedingt durch die Corona-Regelungen, bedeutet einen Rückzug aufs Häusliche. Diejenigen, die alleine leben, sind dann absolut von Isolation und Einsamkeit bedroht“, sagte Adli.

Nicht jeder habe „die Möglichkeit oder die Skills, sich virtuell mit Leuten zu verbinden“, betonte er. „Wenn man bedenkt, dass soziale Isolation einer der stärksten Belastungsfaktoren für unsere Gesundheit ist, ist das besorgniserregend“, so Adli.

Nicht nur für die psychische, sondern auch für die körperliche Gesundheit sei soziale Isolation „ein relevanter negativer Einflussfaktor“, warnte Adli. „Die Sterblichkeit aufgrund körperlicher Krankheiten steigt, soziale Isolation kostet uns Lebensjahre.“ Dennoch hätten „die meisten Menschen, wenn sie über körperliche Gesundheit nachdenken, eher die klassischen Risikofaktoren wie Fettleibigkeit, Rauchen oder Bluthochdruck im Blick“, sagte Adli. „Aber: Einsamkeit steht diesen weit verbreiteten Risikofaktoren in nichts nach.“

Er hoffe, dass in der Folge der Pandemie das Thema Einsamkeit stärker in den gesellschaftlichen Fokus geraten werde. „Einsamkeit gehört zu den tabuisierten Themen. Den Menschen fällt es selbst gegenüber einem Psychiater schwer zuzugeben, dass sie einsam sind“, berichtete Adli. „Wenn wir als Gesellschaft dafür sensibler werden, wäre es bereits erfolgreiche Prävention“, sagte der Psychiater.

In Deutschland leben etwa 17 Millionen Menschen in Single-Haushalten, vor allem in Städten und Großstädten.

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